Filmrezensionen

1-Kind-Politik

»Step Into The River« (Weijia Ma, CHN/F 2020)

Zwei junge Mädchen, Lulu und Wei, sitzen auf einem Boot. »Weißt du, ich wäre nicht geboren worden ohne den Tod meines großen Bruders«, erzählt eine der beiden. Dabei gucken sie in den Fluss, der ihr Dorf von der nächsten Stadt trennt. Das Wasser als Motiv ist nicht zu übersehen. Oft dürfen wir unter die Oberfläche des Flusses tauchen oder die Welt durch den Spiegel der Pfützen betrachten. Nebenbei regnet es atmosphärische Tropfen vom Himmel. Die Striche der gezeichneten Welt scheinen immer richtig gesetzt und die Klangerfahrung lädt die Haare auf unserem Körper ein, sich aufzustellen. Gänsehaut verspricht der Kurzfilm von Weijia Ma allemal.

Lulu und Wei wohnen in einem Dorf in China und sehen sich ihrer Stellung als Mädchen in der Gesellschaft konfrontiert. Dieses und jenes gehöre sich nicht für Mädchen und überhaupt seien sie für nichts gut. Der Film erzählt anhand der beiden Mädchen eine Geschichte, die überall auf der Welt Aktualität genießt.

Weijia Ma verknüpft diese Ungerechtigkeit mit der 1-Kind-Politik Chinas. Das Motiv des Wassers ist nämlich nicht zufällig gewählt: Der Fluss hat noch eine ganz andere Bedeutung. Eltern ertränken hier aufgrund der 1-Kind-Politik ihre neugeborenen Töchter. Was auf viele Weise erzählt werden könnte, wird von Weijia Ma einfühlsam erzählt. Ein Film, der Grausamkeit poetisch zu kleiden vermag.

Kein Wunder also, dass der Film den Publikumspreis Silberne Taube»Der goldene Schnitt« im Bereich kurzer Dokumentar- und Animationsfilm gewinnt. In der Begründung der Jury heißt es: »Dieser Film ist ein Werk der Erinnerung, lädt uns aber auch ein, uns gegen Diskriminierung gegen Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt auszusprechen.«

LEONIE ZIEM

bis 11.11.2020 als Teil von „Wettbewerb um den Publikumspreis – Animation Only“ abrufbar auf CultureBase.org

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