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Der Waffen-Industrielle Komplex

»Bulletproof« (Todd Chandler, USA 2020)

»Bulletproof« handelt von einem Schulsystem, das versucht sich gegen Amokläufe zu wappnen. Ein Film über die Aufrüstung amerikanischer Bildungseinrichtungen und die Folgen für Schüler und Lehrer.

Waren Sie je bei einem Feueralarm in einer Schule dabei? Die Glocke schrillt, die Lehrer legen ihre Kreide aus der Hand und beginnen die Klasse zu ordnen. Sofort erhebt sich Stimmengewirr unter den Schülern. Kurz darauf kann man in den Gängen die Schritte dutzender Füße widerhallen hören. So ein Feueralarm ist die wohl einzige Katastrophenübung, die einem an deutschen Schulen begegnen wird. Anders in den USA.

Die ersten Bilder von »Bulletproof« zeigen den Campus einer High School in Texas. Immer näher fährt die Kamera heran, bis auf die Flure der Schule. Nichts wird erklärt, es gibt kein Voice-Over, stattdessen nur die Geräusche im Hintergrund. Plötzlich knallen Schüsse. In den Klassenzimmern fallen Menschen wie getroffen zu Boden. Lehrkräfte kümmern sich um sie, während Schüler die Türen des Klassenzimmers mit Tischen und Stühlen verbarrikadieren. Männer in orangenen Warnwesten versuchen von außen die Barrieren zu durchbrechen. An einer anderen Stelle rennen Jugendliche aus der Turnhalle. Die Texas City High School versucht sich an diesem Tag auf einen möglichen Amoklauf vorzubereiten. Die Schule ist das heimliche Zentrum im Dokumentarfilm des Musikers und Regisseurs Todd Chandler. An ihrem Beispiel zeigt er die tödliche Spirale, die der weitverbreitete Waffenbesitz für amerikanische Klassenzimmer bedeutet.

Statt eines Erzählers oder klassischer Interviews setzt der Regisseur dabei auf die Suggestivkraft der Bilder und des Sounds. Wiederholt legt sich die Musik unheilschwer über die Aufnahmen von Pädagoginnen auf dem Schießstand oder Sicherheitsmännern, die aussehen wie Soldaten. Gegen Ende kommen Schüler zu Wort, die von ihren Ängsten vor den Waffen erzählen. Sie sind jedoch die Ausnahme in einer Dokumentation, die Bilder eher aneinanderreiht, als Erklärungen zu liefern. Indem Chandler den Bezug zu Amokläufen der letzten Jahrzehnte in der Schwebe lässt und auch auf Statistiken verzichtet, verpasst er die Chance seinem Thema klare Konturen zu verleihen.

Eindrücklich zeigt seine Dokumentation wie paranoid Menschen in einem Land werden, in dem jederzeit jemand eine Waffe zücken kann. Die Entscheidung auf Kommentare zu verzichten, geht dagegen weniger gut auf. Und so sind die besten Stellen von »Bulletproof« jene, in denen die Gefilmten für Minuten selbst zu Wort kommen. In ihren Kriegsmetaphern spiegelt sich der ganze Wahnsinn der Situation, in der sich Lehrer, Schüler und Eltern gleichermaßen wiederfinden. Dass längst nicht alle bereit sind sich mit diesem Wahnsinn abzufinden, zeigen die kurzen Ausschnitte der »March for our Lives«-Demonstration, die Schüler in Washington organisierten. Möglich, dass es am Ende die junge Generation sein wird, die Veränderungen im Waffenrecht anstößt. Bis dahin, das zeigt Chandler deutlich, ist es jedoch ein weiter Weg.

JOSEF BRAUN

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