Filmrezensionen

Grenzgänger

»Grenzland« (Andreas Voigt, D/PL 2020)

International bekannt wurde Andreas Voigt mit seinen »Leipzig-Filmen«. Von 1986 bis 2015 begleitete er diese Stadt und seine Menschen, Brüche und Umbruchserfahrungen, radikale Jugendliche und Orientierungslose. Immer wieder geht es um Zugehörigkeit. Wo bin ich zuhause? Und was gibt mir Halt?

»Grenzland« heißt der neue Film des Dokumentaristen. Dort wo die Ränder Deutschlands und Polens aufeinander treffen, im Herzen Europas, drehte Voigt ebenfalls bereits Anfang der 90er-Jahre, kurz nach dem Ende des Kalten Krieges. Knapp 30 Jahre später kommt er zurück in diese Region, vom Dreiländereck Tschechien, Deutschland, Polen, an Oder und Neiße hoch bis zum Stettiner Haff. Dieselben Deiche und auch ein altbekanntes Gesicht erwarten ihn – doch die Veränderung ist allgegenwärtig. Das Chemiefaserwerk Guben, wo Carla, eine der Protagonistinnen, arbeitete, hat längst dicht gemacht. In Hoyerswerda wohnt inzwischen Salman, nachdem er aus Syrien flüchtete. Selbst eine australische Familie hat sich auf der östlichen Seite der Grenze angesiedelt: Polen sei wie Australien, sagt der Vater, abenteuerlich, ganz anders als Deutschland oder Dänemark.

Die Reise durch das Grenzland zeichnet ein vielschichtiges Bild. Salmans kurdische Freunde müssen nicht lange überlegen, fragt man sie, ob sie gerne in Deutschland leben. Hier dürfen sie sagen und glauben was sie wollen, sein wer sie sind. Kurz darauf sieht man Salman neben seinem Auto stehen. Darauf hat jemand drei große Buchstaben gesprüht: NPD. Er wisse was das heißt, sagt er und lächelt tapfer. Dass nicht alle glücklich sind über die Zugezogenen, bekommt er auch an seinem Arbeitsplatz in einer KfZ-Werkstatt zu spüren. Dennoch bleibt er, und nicht nur das: Vor Kurzem kaufte er eine alte Scheune, »zufällig gefunden auf eBay Kleinanzeigen«, die er jetzt renoviert. Er wünscht sich eine Frau und Kinder, sagt er und lächelt wieder in die Kamera.

Die deutsch-polnische Grenze spielt keine Rolle mehr, da sind sich alle einig. Und das sei gut so. Polnisch lernen die in Deutschland Aufwachsenden allerdings auch heute nicht. Carlas Freundin sagt, bis auf Benzin und Zigaretten gäbe es für sie keinen Grund, auf die andere Seite zu fahren. Ganz anders die Polinnen und Polen: Sie kommen zum Arbeiten, lernen die deutsche Sprache, erzählen von der gemeinsamen Geschichte. Zum Beispiel die Gruppe junger Männer, die jährlich die Ländergrenze passiert, um Schafe zu scheren. Sie albern mit dem deutschen Bauern herum, die Stimmung ist selbst nach dem harten Arbeitstag gut. Dabei ist auch der nordöstliche Saum Deutschlands von einer alternden Bevölkerung und schwachen Infrastruktur geprägt. Ein Mann sitzt auf einer Bank. Vor seinen Augen wird ein Plattenbau abgerissen. Er sagt, die Einwohnermenge hätte sich seit der Wende halbiert, nennt Zahlen. Doch dann wird er sehr persönlich. »Ich habe nichts mehr worauf ich mich freuen kann, ich dümple nur so vor mich hin.«

Andreas Voigt stellt die richtigen Fragen und erwartet keine ausgeklügelten Antworten. Seine Stimme ist immer wieder zu hören, wenn er bei seinen Protagonistinnen nachhorcht und Dinge kommentiert. Als Zuschauerin kommt man ihnen ausgesprochen nah, durch die unaufgeregte Art des Regisseurs und die wiederkehrenden fundamentalen Themen. Wo kommen wir her? Und wo wollen wir bleiben? Ein einfühlsames Porträt über einen von Bewegung und Geschichte geprägten Landstrich.

LUCIA BAUMANN

online abrufbar auf Culturebase.org

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