Filmrezensionen

Karten im Kopf

»London Knowledge« (Max Colson, UK 2020)

Der Kurzfilm »London Knowledge« ist ein visuell eindrücklicher Denkanstoß zur Debatte um selbstfahrende Autos. Seine Protagonisten: zwei Londoner Taxifahrer und eine 3D-Lasertechnologie.

Was braucht man für eine Taxilizenz? Ein Führerschein ist sicherlich praktisch. Doch der allein reicht nicht. Benötigt wird auch ein umfassendes Wissen über den Ort, an den man seine Gäste befördern will. Zumindest in London. »The Knowledge« heißt die Prüfung, die angehende Taxifahrer in der britischen Metropole absolvieren müssen. In ihrem Zuge müssen sie über 300 Routen auswendig lernen, außerdem bis zu tausend Sehenswürdigkeiten verorten können. Eine Aufgabe die mehrere Jahre Lernzeit in Anspruch nimmt.

Im Kurzfilm »London Knowledge« von Max Colson erinnern sich zwei Londoner Taxifahrer an ihre jeweiligen Prüfungen. Der eine berichtet wie er nachts aufwachte, weil in seinem Kopf die Straßen durcheinander gingen und ihm keine Ruhe ließen. Der andere erinnert sich, wie er wieder und wieder die Routen mit dem Moped abfuhr, um sie sich einzuprägen. Irgendwann, so sagt er, hast du die Karte von London in deinem Kopf.

Die Taxifahrer teilen ihre Erinnerungen im Hintergrund. Auf den Bildern sind sie nicht zu sehen. Die wurden mithilfe einer 3D-Technologie erzeugt, die selbstfahrende Autos verwenden, um sich an einem Ort zurechtzufinden. In schwarz und weiß entstehen fortlaufend Straßenzüge und Fassaden, die dann wieder ins Dunkel zurückgleiten. Optisch erinnert das an die Illustrationen viktorianischer Romane von einem schaurigen, nebligen London. Inhaltlich steht es im Kontrast zur Arbeit der Taxifahrer, die lange lernten um dort zu fahren, wo selbstfahrende Autos direkt nach einer Programmierung fahren könnten. Ob das so gut wäre, das bezweifeln die beiden Taxifahrer. »I am a counsellor, I am a priest, I am your shoulder to cry on«, sagt einer von ihnen. Und die Frage steht im Raum: Wie soll ein selbstfahrender Wagen diese Aufgaben übernehmen.

JOSEF BRAUN

bis 12.11. abrufbar auf CultureBase.org

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