DOK Leipzig 2020 Filmrezensionen

Kino und Poesie

»The Poets visit Juana Bignozzi« (Laura Citarella, Mercedes Halfon, ARG 2019)

Der Gewinner der silbernen Taube heißt in diesem Jahr »The Poets visit Juana Bignozzi«. Das ambitionierte Werk überzeugt mit Überblendungen, essayistischen Elementen und der Leidenschaft seiner Regisseurinnen für ihre Kunst.

Der Name Juana Bignozzi dürfte den Zuschauern hierzulande kaum etwas sagen. Die Dichterin wurde 1937 in Buenos Aires geboren, zog später nach Barcelona und kehrte erst am Ende ihres Lebens wieder zurück in die Stadt ihrer Jugend. Keiner ihrer Gedichtbände wurde ins Deutsche übersetzt. Doch in Argentinien war sie bekannt. Vor allem die jungen Dichterinnen hatten es ihr angetan. Als sie 2015 starb, vererbte sie einer von ihnen, Mercedes Halfon, ihren literarischen Nachlass.

Halfon ist eine junge Frau mit dichten schwarzen Locken und dunklen Augen. In der ersten Einstellung steht sie an einem Hauseingang und raucht eine Zigarette. Währenddessen erinnert sie sich im Voice-Over an eine frühe Begegnung mit Bignozzi. Dabei verpackt sie ihre Erinnerung in eine Geschichte über eine junge Dichterin, die eine ältere Kollegin trifft. So entstehen schon zu Beginn verschiedene Erzählebenen, die im Laufe dieses Films immer weiter aufgefächert werden.

»The Poets Visit Juana Bignozzi« ist streng genommen ein Gemeinschaftsprojekt zwischen einer Gruppe junger Dichterinnen, die sich um den Nachlass Bignozzis kümmern und einem jungen Filmteam. An dessen Spitze steht die Produzentin Laura Citarella, die neben Halfon Regie führte. Immer wieder hören die Zuschauer ihre Anweisungen. Auch Vorbereitungen für die nächsten Szenen werden in den Film aufgenommen. So entsteht er einerseits vor unseren Augen, andererseits löst sich die Illusion Stück für Stück auf. Etwa wenn die Filmemacher in einer Szene genauso auftauchen, wie die Dichterinnen vor der Kamera.

Letztlich kommt man »The Poets visit Juana Bignozzi« vielleicht am besten nahe, indem man ihn als großangelegte Collage versteht. In immer neuen Versuchen wird hier über Lyrik und Kino gleichermaßen reflektiert. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder. Stimmen legen sich über Bilder. Gedichte werden gelesen, Fotos und Postkarten abgefilmt. Es ist ein ambitioniertes Projekt. Doch das Wagnis geht auf. Das fand auch die Dok-Jury. Sie verlieh den beiden Regisseurinnen die silberne Taube für den besten Dokumentarfilm im internationalen Nachwuchs. In ihrer Begründung verwies sie unter anderem auf die geistige Nähe zum Kino der »Nouvelle Vague«. Kein schlechter Vergleich.

JOSEF BRAUN

bis 13.11. abrufbar auf CultureBase.org

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