Allgemein DOK Leipzig 2020 Filmrezensionen

Krieg und Pop


The Annotated Field Guide of Ulysses S. Grant
(Jim Finn, USA 2020)

Entlang von wichtigen militärischen Stationen und sozialen Lagen erzählt Jim Finn vom Amerikanischen Bürgerkrieg, in dem von 1861 bis 1865 die politische Ordnung der USA neu ausgehandelt wurde, und einer der zentralen Figuren des damaligen Kriegsgeschehens: Ulysses S. Grant, dem Oberbefehlshaber der US-Amerikanischen Armee und späteren Präsidenten.
Dem ersten Anschein nach ist der Film eine Mischung aus Travelogue, Essay und Landschaftsfilm, der die damaligen Schlachtfelder in den Sümpfen Louisianas und den Weiten Georgias etwa, wo sich Zehntausende Soldaten gegenüber standen, genauso zeigt wie das winzige Geburtshäuschen von U.S. Grant. Bei genauem Hinsehen entpuppt sich »The Annotated Field Guide of Ulysses S. Grant« zudem über Weite Teile als eine Dokumentation über die populäre Kultur rund um den Amerikanischen Bürgerkrieg und schreibt diese fort.
Im Zentrum stehen die Praxen, die sich dem Sezessionskrieg spielerisch und populär-historisierend annehmen, als Military- oder Themenpark mit räumlichen Nachstellungen von Schlachtsituationen, als Wachsfiguren-Kabinett oder als in Stein gehauenes Memorial al à Mount Rushmore.
Der Film ist also keinesfalls ein Biopic oder der Versuch sich der endlosen Reihe von gefilmten oder performten Reenactments anzuschließen. Im Gegenteil. »The Annotated Field Guide of Ulysses S. Grant« kommt ohne nennenswertes Personal aus, stattdessen sind Erinnerungsorte und Ephemera die Protagonisten. Sammelkarten, die zum 100. Jubiläum des Bürgerkrieges in Umlauf gebracht wurden, Briefmarken und Stop-Motion-Animationen von militärischen Brettspielen der Firma »Hex and Counter« illustrieren und strukturieren die Erzählung bzw. liefern die Stichworte für die Informationsvergabe, die mal eher Gossip-artig gestaltet ist, wenn etwa von Grants Alkoholismus die Rede ist. Dann werden von der Geschichtsschreibung marginalisierte Phänomene in den Blick genommen, die Formierung der USCT (US Colored Troops) z.B., also von Einheiten, die ausschließlich mit Persons of Colour besetzt waren, deren Status als Sklaven bzw. Zubefreiende Hauptanlass des Krieges war.
Mit fast jedem Schnitt liefert Finn skurrile und experimentelle Momente. Die Pastellfarben des 16mm-Materials verleihen den Landschaftsaufnahmen eine besonders warme Anmutung, die durch tropische Psychedelia-Synthiesounds mal verstärkt, an anderer Stelle durch den mit einem Banjo eingespielten Track »Hillbilly Hava Nagila« ironisch gebrochen werden.

SEBASTIAN GEBELER

29.10.2020 17:00 Cinémathèque Leipzig

abrufbar auf CultureBase.org

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