DOK Leipzig 2020 Filmrezensionen

Lost Places

In Ictu Oculi (Jorge Moneo Quintana, E 2020)

»In Ictu Oculi« zeigt, wie von Menschenhand Gemachtes in Schönheit vergeht und daraus Neues entsteht

Vitoria-Gasteiz ist die Hauptstadt der spanischen Provinz Baskenland, aber das spielt bei »In Ictu Oculi« keine Rolle. Regisseur Jorge Moneo Quintana ist tief in die Fotoarchive gestiegen und hat Aufnahmen der Altstadt zwischen 1910 und 1976 zusammengestellt und im Kurzfilm schließlich nebeneinander montiert. Bei den Bildern geht es immer nur um einen Block und seine städtebauliche Entwicklung: Aus der Plaza de Abastos wird die Plaza de los Fueros, und die Plaza de Abastos zieht auf die Plaza de Santa Bárbara. Dank der Montagetechnik und der Tongestaltung kommt Leben in die Bilder, die logischerweise jeweils nur Momente einfrieren können: Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Prozessionen, ein Verkaufsstand an der Ecke, ein junger Mann auf dem Fahrrad, ein Junge im Matrosenanzug, Passanten, Kavallerie. Ein Pferd steht im Schatten eines Hauses, ein Fenster ist geöffnet, Leute flanieren. Bevor neu gebaut werden kann, muss eine Kirchruine, die freilich nicht immer Ruine war, abgerissen werden. Das bedeutet einstürzende Mauern, blinde Fenster, Berge von Schutt. Irgendwann stehen keine Mauern mehr, irgendwann ist der ganze Schutt fortgeräumt. Dann geht die eine Baustelle in die nächste über, wird aus der Kirche eine Bank.

Dieser gar nicht so statische Gang durch die Jahrzehnte erhält seine Erzähldichte durch das Zoomen auf Einzelheiten und bekommt mit den passenden Geräuschen Atmosphäre. Schwalben schießen unter schrillen Rufen durch die Luft, Tauben flattern erschreckt auf, dazu gibt es Straßenbahnklingeln, Schritte, die Glocke der Turmuhr, sakrale Chormusik. Aus dem Gedröhn gesprengter Mauern wird das Bohren und Hämmern der Bauarbeiten, Kinder spielen, Autos hupen, Erwachsene sitzen im Café. Dass Orte sich verändern, dass Plätze über die Jahrzehnte ihr Gesicht wandeln, ist sicherlich fast schon banal. Das heißt wiederum nicht, dass es uninteressant wäre, der Stadt und denen, die darin wohnen, bei diesem Wandel im Zeitraffer zuzuschauen. Der Wandel geschieht nicht, wie der Titel nahelegt, von einem Augenblick zum anderen – übrigens ein Bibelzitat. In dem, was Paulus dort an die Korinther schrieb, soll wohl auch ein kleiner Trost liegen. Martin Luther hat das so übersetzt: »Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden.«

FRANZISKA REIF

Teil der Kompilation »Past Present«

Cine Star 2 / 31.10.2020 / 17:45

Cine Star 2 / 01.11.2020 / 12:00

abrufbar auf CultureBase.org

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