Allgemein DOK Leipzig 2020 Filmrezensionen

Mythos Astoria

»Hotel Astoria« (Falk Schuster/Alina Cyranek, 2020)

Das Hotel Astoria auf der Westseite des Hauptbahnhofs ist ein großes Fragezeichen in der Stadtlandschaft Leipzigs. Warum wird dieses Gebäude in Zeiten von Aufwertungsprozessen nicht genutzt oder abgerissen? Seine fortwährend Existenz als Ruine lässt einen Mythos entstehen. In ihrem Kurzfilm »Hotel Astoria« basteln Alina Cyranek und Falk Schuster fleißig an dem Mythos herum. Obwohl das Astoria 1915 als eines der modernsten Hotelkomplexe Europas erbaut wurde, fokussieren sich die beiden Regisseure auf die Geschichte des Hotels während der DDR.

In einer rhythmischen Collage von Archivbildern, Nostalgiemarken und Privataufnahmen wird vom Astoria als einem verwunschenen Ort außerhalb der real-sozialistischen Alltäglichkeit erzählt. Die sympathischen Stimmen ehemaliger Gäste und Angestellter porträtieren das Astoria als ausschweifend und geheimnisvoll. Durch die Bewirtung von ausländischen Gästen und Parteifunktionären war das Astoria auch ein Tummelplatz für Stasi-Mitarbeiter. Ein Mikrokosmos, der die vielen Facetten der DDR-Gesellschaft wie in einem Brennglas vereint. Die Nacherzählung lässt in einem sofort den Wunsch nach einer Netflix-Serie im Stil von »Babylon Berlin« entstehen. Es wird vom typischen Mangel, aber auch vom gespielten Überfluss, vom miefigen Parteigezänke und von kollegialer Solidarität erzählt. In den Worten der ehemaligen Angestellten herrscht eine Wehmut, die nicht nur das Hotel selbst betrifft, sondern ihre eigene Jugend, das Aufwachsen in der DDR. Es sind Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen. Überwachung durch die Stasi, eingesperrt sein, zensiert werden – aber auch die schönste Zeit im Leben.

Das Hotel Astoria ist deshalb zu einem Mythos avanciert, weil es weiter als Ruine existiert. Ein Sehnsuchtsort, dessen bröckelnde Fassade noch immer in die wachsende Metropole hineinpasst. Schuster und Cyranek haben einen Kurzfilm geschaffen, der wieder an einen Ort erinnert, den wir vergessen haben, weil er eben noch da ist. Die Frage bleibt, wie lange noch?

EYCK-MARCUS WENDT

Kompilation Animation 2 & Der goldene Schnitt

28.10., 11 Uhr, Passage Kinos Wintergarten

28.10., 18 Uhr, Schaubühne Lindenfels

30.10., 20 Uhr, Passage Kinos Astoria

31.10., 15 Uhr, Passage Kinos Astoria

1.11., 20 Uhr, Schauburg

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