Allgemein DOK Leipzig 2021 Filmrezensionen

Only the Earth and the Mountains

Über das Nicht-Vergessen(-Können), über die Glorifizierung der Täter, über die bis heute anhaltende Unterdrückung indigener Völker und die Verantwortung in der Gegenwart.

Es ist bis heute einer der dunkelsten Tage in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Am 29. November 1864 ermordet die US-Kavallerie mehr als 200 Cheyenne und Arapaho in Colorado, tötet ungeborene Babys, skalpiert Kinder und erbeutet Körperteile als Trophäen. Das Ganze geht als Sand-Creek-Massaker in die Geschichte ein.

Über 150 Jahre später, inmitten der Black Lives Matter-Proteste setzt sich die Regisseurin Elleni Sclavenitis in ihrem Film »Only the Earth and the Mountains« mit den Gräueltaten an den Ureinwohner Amerikas auseinander. Dabei schafft es die Filmemacherin, die historischen Hintergründe zu erzählen und sich trotzdem nicht ins Zentrum des Werkes zu stellen. Als weiße Frau überlässt sie diesen Platz den Nachkommen der indigenen Völker, bleibt ganz nah mit ihrer Kamera an den Erzählungen der Enkel und Urenkel der Ermordeten und stellt auch die eigene Position in Frage.

Der bedrückende Film verzichtet dabei fast gänzlich auf Musik und lebt von den Berichten und Emotionen der Nachfahren. Denn die erzählen nicht nur von der grausamen Vergangenheit, sondern auch, wie diese die Ureinwohner Amerikas immer noch verfolgt und wie die Betroffenen bis heute um Land, Kultur und Identität kämpfen müssen. Es sind diese Momente, die auch nach den viel zu kurzen 29 Minuten nachhallen. Da wäre zum Beispiel Karen Little Coyote, die erzählt, dass sie sich bis heute nicht in ihrer Nachbarschaft willkommen fühlt. Oder Gail, dem als Jugendlicher immer wieder gesagt wurde, dass »Indianer« eh nicht lernen und zum College gehen könnten.

Diese Erzählungen sind berührend und eine Erkenntnis macht den Kurzfilm (schon jetzt) zu einem der wichtigsten Filme dieser Tage: Das Sand-Creek-Massaker ist am Ende nur ein bekanntes Beispiel, der hunderten systematischen Ermordungen der Ureinwohner Amerikas. Das Werk stellt die Frage der historischen Aufklärung und des Umgangs damit in der heutigen Zeit.

KAI REMEN

»Only the Earth and the Mountains«

Internationaler Wettbewerb Kurzfilm

Dienstag, 21 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Samstag, 18 Uhr, CineStar

Sonntag, 17 Uhr, Regina Palast

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