Allgemein Filmrezensionen

Seltsame Sippe

»Familie Zilla macht Picknick« (Christian Franz Schmidt, D 2019)

Das Prinzip des Genres Kaijū ist einfach: Ein Riesenmonster zerstört Städte und belästigt Menschen. Das Militär kämpft, hat aber keine Chance. Eine hübsche Variation dieses Schemas ist »Familie Zilla macht Picknick«. Der Animationsfilm schickt die Monstersippe auf einen Strandausflug mit katastrophalen Folgen.

Das japanische »Kaijū« lässt sich als »seltsame Bestie« übersetzen, weshalb dementsprechend das Filmgenre »Kaijū Eiga«, »Monsterfilm« genannt wird. Das beherbergt ein ganzes Bestiarium, etwa die Titanenschildkröte Gamera, der Drache Yamatanoorochi oder die Monstermotte Mothra. Der bekannteste Vertreter ist Godzilla, der zum ersten Mal 1954 im Film auftrat. Dieser gilt auch als Wiege des Kaijū-Films. Für »Godzilla« stand der US-Film »King Kong« Pate. Produzent Tomoyuki Tanaka stieß bei der Suche nach einem profitablen Filmstoff auf den Riesenaffen. Er kombinierte die Idee einer übermenschlichen Kreatur mit der damals gerade wiedererwachten Angst der Japaner vor der Atomkraft. Die nuklearen Zerstörungen von Hiroshima und Nagasaki waren ohnehin noch im Bewusstsein, als im Frühjahr 1954 der Fischkutter »Glücklicher Drache« nach einem US-Atomwaffentest radioaktiv kontaminiert wurde. Einige Besatzungsmitglieder starben an dessen Folgen. Produzent Tanaka wollte diese Angst aufgreifen und durch fantastische Viecher zum wohligen Thrill im Kinosessel abmildern. Also erschuf er Godzilla: Eine Kreatur, die nach radioaktiver Verseuchung den Meerestiefen entsteigt und die menschliche Zivilisation als Feind begreift. Optisch orientiert sich die Godzillafigur an der Urzeit. Der Männchen machende Dinosaurier sieht mit seinen kurzen Armen aus wie ein Tyrannosaurus Rex, der Kopf ist niedlich wie der des Brontosaurus. Als visuelle Vorlagen dienten die wissenschaftlichen Darstellungen der prähistorischen Naturzeichner Rudolph Zallinger and Zdeněk Burian.

Weil die damals übliche Stopp-Motion-Technik zu zeitaufwendig und teuer war, animierte man Godzilla mit Männern in Gummikostümen. Schauspieler in Ganzkörperlatexanzüge bewegen sich durch maßstabsgetreue Kulissen. Der Rückgriff auf die Kostüme wurde typisch für die japanischen Monsterfilme. Später nannte man die Tricktechnik »Suitmation« – das englische Kofferwort für Anzug-Animation. Die Idee war einfach und doch revolutionär, führte anfangs aber zu einigen Opfern. Das erste Kostüm war unbeweglich und zu schwer. Mehr als 100 Kilo wog noch das zweite. Für die Darsteller war es eine Qual, sie schwitzten in den Anzügen, die sich unter Luftausschluss und Scheinwerferlicht zu extremer Hitze aufluden. Von brennenden, rußenden Kerosinlappen, die Verletzungen am Monster anzeigen sollten, stiegen den Schauspielern giftige Gase entgegen.

Da war der Dreh für »Familie Zilla macht Picknick« viel harmloser. Christian Franz Schmidt hat ihn als Trickfilm im herrlich ulkigen Comic-Stil gestaltet. In quietschigen Farben treten Vater, Mutter und Kind auf. Sie entsteigen dem Meer, um am Strand auszuruhen. Dass dabei eine ganze Metropole kaputt geht, ist kein Beinbruch. Die drei finden es herrlich, wie geröstete Kinobesucher wie Popcorn aufploppen, und die Sonne scheint so herrlich. Wenn da nicht das Mottenvieh wäre. Dann darf der Sohn seinen großen Auftritt haben. Mehr soll nicht verraten werden, denn dieser putzige Vierminüter ist viel zu schnell vorbei.

TOBIAS PRÜWER

Teil der Kompilation »Wettbewerb um den Publikumspreis – Animation Only«

30.10.2020 17:15 Schauburg

30.10.2020 17:15 Passage Kinos Wintergarten

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