Allgemein Filmrezensionen

The man who couldn’t sell the mountain

»Wir wollten alle Fiesen killen« (Heitmann/Ellerkamp, 2020)

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Berg gekauft. Was machen Sie damit? Bauen Sie Pilze in seinem Inneren an, züchten Sie Fische oder verwandeln Sie den Berg einfach in einen riesigen Atomschutzbunker, der die Superreichen vor dem Ende der Welt beschützt? Vor all diese Möglichkeiten wurde der Regisseur Jörg Heitmann gestellt, als er Anfang der 2000er einen Berg Nähe Jena kaufte. Doch keine davon konnte bisher realisiert werden.

Der Rothensteiner Berg hat eine verwickelte Geschichte, die bis zu den Anfängen der menschlichen Zivilisation reicht: Kultstätte, Zwangsarbeiterfabrik, Munitionslager und am Ende ein großes Fragezeichen. Doch der Berg erhält seine unwiderstehliche Anziehungskraft. Ein weitgehend ausgehöhlter Berg mit gigantischen Hallen und Gängen birgt das Potenzial etwas tief unter der Erde vor den Augen Neugieriger zu verstecken, für immer zu vergraben oder schlicht selbst zu verschwinden.

Mit ihrem Film »Wir wollten alle Fiesen killen« gehen Jörg Heitmann und Bettina Ellerkamp der Verlockung des Berges nach. Was ist es, dass sie selbst und andere so an dem toten Gestein fasziniert? Und so sucht eine Geomantistin nach der spirituellen Vergangenheit des Berges, seine Geschichte wird mit Hilfe von Zeitzeugen aufgerollt oder Anwohner nach ihren Erfahrungen befragt. Jeder verbindet eine unheimliche Erzählung mit dem Berg. Dutzende stationierte sowjetische Soldaten sollen sich auf seiner Spitze erhängt haben. Ungewöhnliche Ereignisse verhindern ein ums andere Mal den Verkauf des Berges. Eine Drachenader soll in ihm fließen, die mystische Energien aussendet. Das Geheimnis lässt sich nicht vom Berg trennen.

Dabei sollte es zu Anfang doch um etwas ganz anderes gehen. Und zwar um Science Fiction. Der Berg sollte eigentlich eine Verfilmung von Boris Vians Roman »Wir werden alle Fiesen killen« sein. Ist der Berg nur eine Metapher? Oder sind die Geschichten, die sich um den Berg ranken schon genug Science Fiction? Mit »Wir wollten alle Fiesen killen« ist Heitmann und Ellerkamp ein Schelmenfilm gelungen, dessen Protagonist ein hohler, riesiger, unbeweglicher Berg ist. Immer wieder entkommt er seinem eigenen Schicksal, entzieht sich der Vermarktungslogik und scheint sich in seiner stummen Erhabenheit an der Ahnungslosigkeit der Menschen zu erfreuen. Es ist ein Film, der schwer zu erklären ist. Genau wie der Berg selbst.

EYCK-MARCUS WENDT

30.10.2020, 20:30 – 22:01, CineStar 2

31.10.2020, 20:00 – 21:31, Hauptbahnhof Osthalle

01.11.2020, 17:00 – 18:31, Cinémathèque Leipzig

Ab 31.10.2020 – 14.11.2020 abrufbar auf CultureBase.org

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