Allgemein Filmrezensionen

Wie Künstlerinnen gemacht werden

»Aiva« (Veneta Androva, D 2020)

Ein Film in einem Film. Regisseurin Veneta Androva inszeniert ihr Werk als eine Dokumentation, die die posthumane Künstlerin Aiva porträtieren soll. Geschaffen durch einen Algorithmus ist Aiva historischen Figuren nachempfunden: den männlichen Genies der weißen Kunstgeschichte. Damit verkörpert Aiva alle hartnäckigen Klischees. Der künstlerische Prozess wird zu einer heiligen Beschäftigung hochstilisiert, ihr Model wird zur inspirierenden Muse. Mit einem Unterschied: Aiva kultiviert keinen »male gaze« mehr, sondern einen »female gaze«. Ihr männliches Model wird aus heteronormativer Perspektive präsentiert, es zeigt phallische Stärke und heroische Tapferkeit.

Die Kulisse ein Atelier, asketisch leer, das ist wichtig für den reflexiven Prozess. So zumindest erklärt es die Stimme der Journalistin, die bewundert Aiva dabei filmt, wie sie die Leinwand bezaubert. Endlich eine weibliche Künstlerin, die den kapitalistischen Kunstmarkt aufwirbelt! In der computeranimierten Welt Aivas soll sie der Hoffnungsschimmer für einen diversen Kunstbetrieb sein. Female creativity through an algorithm! Aiva wurde jedoch von einem Mann erschaffen, der damit ordentlich verdient.

Veneta Androva seziert mit ihrem Film den globalen Kunstmarkt und lacht den männlich dominierten Geniegedanken aus. Dabei trägt sie sehr dick auf, fast zu dick, als dass man augenrollend erklären will, dass man doch schon längst Bescheid weiß. Der Kunstmarkt ist ungerecht und genauso wie alles andere in der Welt situiert in unsere gesellschaftliche (Un)ordnung. Jedoch braucht es Filme wie »Aiva«, um den Finger in die Wunde zu legen und so doll zu drücken, dass es alle schmerzt. 13 Minuten lächerliche Ungerechtigkeit, die man gesehen haben muss.

LEONIE ZIEM

28.10.2020, 18:15, Schaubühne Lindenfels

29.10.2020, 11:30, Passage Kinos Wintergarten

31.10.2020, 15:00, Passage Kinos Astoria

31.10.2020, 20:30, CineStar 2

01.11.2020, 17:45, CineStar 2

ab 29.10.2020 abrufbar auf CultureBase.org

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