Allgemein DOK Leipzig 2021 Filmrezensionen

A Bay

Von Hand und Arbeit

Guanabara nennt sich die etwa 380 Quadratkilometer große Bucht an der Westküste Brasiliens, in der die Millionenmetropole Rio de Janeiro beheimatet ist. Der Seefahrer Amérigo Vespucci erreichte diese Region im Januar 1502, kurz nachdem das kolonialistische Portugal den amerikanischen Kontinent entdeckt hatte. Er soll gesagt haben: »Most certainly if an earthly heaven exist anywhere, I believe I am not far from those regions.«

Paradiesische Zustände zeigt Murilo Salles Film nicht: Wo einst unberührte Natur war, existieren heute abseits von Luxusvierteln und für den Tourismus aufgehübschten Promenaden im Zentrum der Stadt vor allem Armut, Favelas, Industrie.

Acht Kapitel begleiten die Menschen und deren Arbeit in diesem Teil des Landes. Es sind Dienstleistende, Geringverdienende. Ein Friseur, der seiner Familie am Telefon versichert, dass sie eines Tages wieder in einem netten Haus leben können, wenn das Geschäft gut läuft. Nach einem langen Arbeitstag schläft er in dem spärlich ausgestatteten Salon auf einem Klappbett. Ein Junge, der auf den Wiesen außerhalb der Wohnviertel Gras für seine Tiere erntet. Es sind Arbeiterinnen und Arbeiter des informellen Sektors, die auf keine Unterstützung seitens des Staates hoffen können.

Der Sound, der diesen Film trägt, ist das Zeugnis körperlicher Tätigkeit und schwerer Gerätschaften. Es ist das Ächzen und Quietschen der Schiffe am Hafen, das Geräusch von Fließbändern in der Fabrik, das Feilen eines Bastlers. Und dann auch wieder das Rauschen des Meeres, das beweist, dass die Natur doch noch da ist. Für die Protagonistinnen und Protagonisten ist sie vor allem Ressource statt Quelle der Erholung. In den Mangrovenwäldern der Bucht sammelt einer von ihnen mühsam Krebse, die er anschließend auf der Straße verkauft. Ein anderer taucht an den Pfeilern einer Autobahnbrücke stundenlang nach Muscheln.

Mit seinem behutsamen Blick begleitet Salles nicht nur die repetitive, körperliche Arbeit, sondern bildet auch das soziale Leben in den Vierteln am Rand der Metropole ab, wo die Menschen abends zusammenkommen und die Geräuschkulisse von Kinderstimmen dominiert wird. Ein Dokument des Alltags – in einem Land in der Krise.

Murilo Salles, BR 2021

LUCIA BAUMANN

»A Bay«

Mittwoch, 27.10., 11, CineStar 4

Donnertstag, 28.10., 17.30, Schaubühne Lindenfels

Freitag, 29.10., 21, Passage Kinos Wintergarten

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