Allgemein DOK Leipzig 2021 Interviews

»VR ist kein Tech-Hype, es ist ein Kulturgut«

Foto: Paul Rieth

Der kreuzer hat mit dem Kurator des DOK Neuland Lars Rummel gesprochen. Über Chaos, die Herausforderungen der Ausstellung, sein persönliches Highlight und den Blick nach vorne.

Das DOK Leipzig 2021 ist vorbei. Doch zum ersten Mal kann man in den kommenden Wochen nicht nur ausgewählte Filme nochmal online anschauen. Auch das Ausstellungsformat DOK Neuland, das sich seit Jahren mit Extended Reality beschäftigt, präsentiert sich im digitalen Raum.

Wie geht man bei der Konzeption einer solchen Ausstellung vor? Wo fängt man überhaupt an?

Als erstes müssen wir immer Förderanträgen stellen. (lacht) Inhaltlich habe ich das Glück, dass ich viele Freiheiten genieße und zum Beispiel das Thema frei wählen konnte. Das startet meist im Januar/Februar mit einem Brainstorming. Was ist zurzeit in der Welt los? Wie fühle ich mich eigentlich gerade? Was sind Dialogräume, die wir öffnen sollten? Daraus entstand zuerst ein Gefühl und irgendwann der Titel: Chaos is a Condition. Dieser Titel war aber erstmal nur ein sehr allgemeines Oberthema, deshalb haben wir das bei den Einreichungen der Künstler:innen ganz bewusst noch nicht verraten. Am Ende sollte das Thema von den rund 250 eingereichten und gescouteten Werken profitieren können. Der Rest formt sich dann langsam als Idee eines Resonanzraums. Es kommen Schritt für Schritt weitere Menschen zum Projekt hinzu und fügen auch der Konzeption immer etwas dazu.

Wie das gesamte Festival war auch DOK Neuland 2021 von der Pandemie betroffen. Was waren die großen Herausforderungen bei der Planung?

Für uns war ein großer Vorteil, dass wir auch letztes Jahr schon physisch stattfinden durften. Wir hatten schon Erfahrung. Zum Beispiel mussten wir 2020 ein Desinfektionsmittel für die VR-Brillen finden, was keinen Alkohol enthält, weil sonst die Augen zu sehr tränen. Und auch Kontaktnachverfolgung war im vergangenen Jahr noch deutlich komplizierter. Allerdings konnten auch in diesem Jahr viele andere Kuratoren und Kuratorinnen im XR-Bereich (= Überbegriff für Augmented Reality, Virtual Reality und Mixed Reality; Anm. d. Red.) nicht zur DOK kommen. Um die Reichweite und Zugänglichkeit der Ausstellung zu erhöhen, haben wir eine Kollaboration mit Viveport gestartet. Viveport ist so etwas wie das Netflix der VR-Welt. Da haben wir die Arbeiten hochgeladen und die kann man sich noch bis zum 14.11. weltweit online anschauen.

Hat sich die Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern verändert?

Mit den Künstler:innen hat sich der Prozess eigentlich gar nicht verändert. Die sind eh international verteilt und wir sind es gewohnt, per Zoom zu planen und die gesamte Technik selbst aufzubauen. Aber es ist natürlich immer schwierig, wenn die Künstler:innen wegen Visa-Problemen oder Quarantäne-Bedingungen nicht kommen können.

Wie hängt das breite Oberthema »Chaos« mit dem vergangenen Jahr und der Corona-Pandemie zusammen?

Natürlich war die Pandemie ein Ausgangspunkt. Die Pandemie hat alle sehr hart getroffen. Plötzlich konnten wir uns nicht mehr sicher auf der Straße bewegen und wussten auch nicht, was man jetzt noch darf und was nicht. Das ist ein Chaos, was wir alle erfahren haben. Gleichzeitig hat das eine große Fallhöhe aufgezeigt. Gerade im weißen, privilegierten, heteronormativen Milieu sind da ganz viele Sicherheiten weggebrochen, zu denen auch vor der Pandemie nicht allen Zugang haben. Denn fernab dieser eigenen Privilegiertheit ist der Alltag für viele Biografien außerhalb der Dominanzgesellschaft schon immer chaotischer besetzt, weniger normiert und herausfordernder gewesen.

Sie schreiben selbst: »Wir konnten im letzten Jahr erkennen, dass die Sehnsucht nach Übersicht und Kontrollierbarkeit größer wurde.« Gleichzeitig ist das Thema ‘Chaos is a Condition’. Widerspricht sich das nicht?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, da, wo Chaos herrscht, wächst auch immer ein Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Doch man kann eben nicht immer alles kontrollierbar machen. Das zu erkennen und zu hinterfragen, warum man etwas überhaupt kontrollieren will, kann helfen, mit dem Chaos umzugehen.

Müssen wir lernen, mit dem Chaos zu leben?

Auf jeden Fall. Chaos und Ordnung bedingen sich zwangsläufig. Chaos is a Condition heißt ja nicht nur »Zustand«, sondern eben auch »Bedingung«. Chaos kann auch eine Grundbedingung für Transformation sein. Da, wo nicht alles normiert, sortiert und aufgeräumt ist, bietet sich die Chance Gemeinschaft neu und empathischer zu denken. Aber natürlich ist das zu einem gewissen Punkt eine Utopie.

In einer Zeit, in der viele Menschen Chaos erlebt haben – sei es aufgrund sozialer Konflikte oder dem Wegfallen der Existenzgrundlage – ist es da nicht zynisch, zu sagen, dass wir mit diesem Chaos nun einmal leben müssen?

In der Ausstellung geht es nicht nur darum, das Chaos anzunehmen. Es geht auch darum, das eigene Verhältnis zu Chaos zu befragen. Es wäre vermessen zu glauben, bei einer Ausstellung von zehn Arbeiten, das sei jetzt die Lösung für globale und individuelle Herausforderungen. Es ist nur ein möglicher Ausgangspunkt und auch ganz bewusst als Provokation gesetzt.

Das DOK Leipzig 2021 steht jetzt kurz vor dem Abschluss. Wie ist das Fazit zur Ausstellung DOK Neuland? Wie wurde das ganze angenommen?

Ich bin sehr freudig überrascht, dass es so gut angenommen wurde. Es war gut besucht, die Technik funktionierte zum Großteil, niemand hat sich verletzt, die Kritiken zur Ausstellung waren toll. Und immer gab es Warteschlangen. Das ist aus Sicht von Förderung und Kultur natürlich super, gleichzeitig aber auch etwas, das ich für das nächste Jahr als Frage mitnehme, ob das anders gestaltet werden kann. Kleine, besonderen Momente, sind es aber immer dann, wenn das Publikum in der Ausstellung miteinander über die Arbeiten und deren Mehrwert diskutiert.

Gab es ein persönliches Highlight?

Einige Künstler:innen, die hier ausgestellt haben, wurden inzwischen von anderen sehr renommierten Festivals für weitere Kurationen angefragt. Sowas ist toll. Es zeigt, dass auch die riesigen Festivals einen Blick auf uns werfen und beobachten, was wir hier machen.

Das DOK Leipzig ist ein Festival für den Film. DOK Neuland spielt im virtuellen Raum auch 360-Grad-Kurzfilme oder auch interaktive Werke ab. Sind solche Formen die Zukunft des Films?

Auf gar keinen Fall. Es gibt so eine schöne Theorie, die besagt: ein Medium hat noch nie ein anderes verdrängt. Ich sehe allgemein die sagen wir mal »Headset-Technologie« nicht in Konkurrenz zum klassischen Film. Ich glaube, das ist etwas, das sich gegenseitig inspiriert und nebeneinander stehen sollte. Das VR- Medium hat sich noch nicht gefunden und hat auch noch viel Raum, geprägt zu werden. Das Schöne ist, dass hier die Sinne intensiver nachgeahmt werden und ein anderes Gefühl von Präsenz geschaffen wird. Virtuelle Realität ist ein körperliches Medium. Das ist die große Stärke der VR-Technik und dieser Ausstellung. VR ist kein Tech-Hype, es ist ein Kulturgut.

Zum Schluss noch einmal der Blick nach vorne – auf das DOK Neuland 2022. Was darf man sich davon erwarten?

Es gibt viele Ideen. Was sich nicht ändern wird, ist das Medium selbst. Aber wir überlegen, ob für die Inszenierung noch andere Künste hinzukommen können. Inhaltlich wird es sicher eine Fortführung des Themas, aber dabei müssen wir uns erstmal die Frage stellen: was folgt eigentlich dem Chaos?

Das Gespräch führte Kai Remen

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